Cavallo Artikel: "Maul halten"

Cavallo Artikel: "Maul halten"

Cavallo Artikel: "Maul halten"

von Ulrike Dobberthien aus der Cavallo 3/2001 Seiten 12-23   

mit freundlicher Genehmigung des Scholten Verlags, Stuttgart

 

 

Eine der rätselhaftesten Höhlen der Welt gähnt täglich dem Reiter entgegen: das Pferdemaul. Von ihm ist zwar in allen Reitlehren die Rede, aber nur wenige Forscher wissen was darin passiert.

Von außen sieht es ganz freundlich aus, ist überzogen mit samtigem Fell und weicher, nur zwei Millimeter feiner Haut. Es birgt Drüsen, die täglich bis zu 40 Liter Speichel produzieren, der nicht nur Mineralien wie Natriumkarbonat enthält, sondern auch Eiweiß, das zu weißem Schaum stockt, wenn das Pferd mit seiner Spucke schlabbert.

Im Maul versteckt sich eine Zunge, die zwischen einem und zwei Kilo wiegt, fast so lang ist wie der Schädel und die das dichteste Nervengeflecht außerhalb des Hirns besitzt, ein Organ, so weich und empfindlich wie die Lippen des Menschen.

Klappt das Maul auf, um ein Leckerlie zu schnappen oder der Trense Platz zu machen, gibt es lediglich einen Bruchteil seines Innenlebens preis; zum Beispiel das hauchdünne Zungenbändchen, das die Zunge mit dem Unterkiefer verbindet. "Das kann leicht reißen" , warnt der Münchner Pferdechirurg Professor Hartmut Gerhards und rät von der Unsitte ab, aus Jux an der Zunge zu führen oder festzuhalten.

Schließt sich das Maul wieder, beginnt das große Rätseln: Was passiert da im Verborgenen? Die Frage hat mehr als nur akademischen Wert. Schließlich dreht sich die gesamte Reiterei um die Tatsache, dass Pferde, von Ausnahmen abgesehen, ein Gebiss ins Maul bekommen.

Wie sie darauf reagieren, ist den meisten nach wie vor so unbekannt wie ein schwarzes Loch, auch wenn Dutzende scheinbar schlüssiger Theorien in allen Reitweisen das Gegenteil suggerieren.

Einer der seltenen Speläologen in Sachen Maul ist der emeritierte Professor Robert Cook, 71, von der Tufs University Massachusetts. Der international anerkannte Wissenschaftler forschte seit den 60er Jahren. Ihn interessieren die Wechselwirkungen zwischen Maul und Gebiss; und zwar bereits ehe ein Reiter am Zügel zieht.

Seine jüngste Studie schloss er vor einem Jahr ab. Über 3 Jahre untersuchte er 100 Pferde und Reiter aus allen Disziplinen, vom therapeutischen Reiten über Dressur bis zum Rennpferdetraining. Dabei mussten die Pferde, unter anderem, mit und ohne Gebiss über Laufbänder rennen, während ein Endoskop zeigte, was in ihren Mäulern geschah.

Dr.Cook sezierte Kehlköpfe, vermaß Maulhöhlen und spürte dem Zusammenhang zwischen Gebiss, Kopfhaltung und Luftröhre nach. Seine Erkenntnisse führten ihn auf einen kompromisslosen Kreuzzug gegen jedes Gebiss. Nachsichtigen Spott von Kollegen ("der missioniert") erträgt er ebenso standhaft wie Kritik an angeblicher Geschäftemacherei.

"Reitern wird immer wieder gesagt, sie sollen den Schlüssel zum Pferdemaul finden", sagt er. "Aber der beste Schlüssel ist gar kein Schlüssel". Sprich: kein Gebiss. Da wundert es kaum, dass Dr. Cook ein bisher ehernes Kriterium guten Reitens ablehnt: ein Pferd müsse auf dem Gebiss kauen, Schaum vorm Maul haben und mit dem Unterkiefer nachgeben.

Vorteile, findet Cook, hat alles nur für den Reiter, der dann nicht gegen ein steifes Genick kämpfen muss und das Tier leichter dirigieren kann. Wenn ein Pferd arbeitet, sollte es aber ein relativ trockenes Maul haben. "Es kann entweder laufen oder fressen. Beides geht aus anatomischen Gründen nicht", erklärt Cook. "Dieser ganze Sabber ist für das Pferd ein Ärgernis, wenn es tief und viel Atmen muss." Jeder Versuch, den Speichel zu schlucken, birgt für das Pferd eine Gefahr, plötzlich keine Luft mehr zu bekommen; eine Erklärung für den angestrengten Ausdruck von Dressurpferden, die mit nassen Fell, schaumigen Maul und aufgerissenen Nüstern scheinbar feurig schnaubend, in Wahrheit aber mühsam atmend Lektionen absolvieren.

Ob geatmet oder geschluckt wird, entscheiden Reflexe. Solange das Maul geschlossen ist, atmet das Pferd. Öffnet es das Maul, strömt Luft in die Höhle. Dies, verbunden mit Berührungen der Zunge, löst die Reflexkette "fressen und schlucken" aus.

Dabei hebt sich der hintere Teil des Gaumens (weicher Gaumen). Das rund 13 cm lange Gaumensegel schaltet im Rachen, wie eine Weiche, den Weg zur Speiseröhre frei. Gleichzeitig schließt der Kehldeckel die Luftröhre, der Weg zur Speiseröhre wird frei.

" Wird einem Pferd ein Gebiss ins Maul gelegt, bekommt es das Signal "Fressen", sagt Cook. Zusammen mit den Bewegungen von Zunge, Kiefer und Lippen fließt reflektorisch Speichel. Die Reflexe gehören zum Bereich Verdauung und werden vom parasympathischen Nervensystem gesteuert. Speichel am Maul ist nach Cook ein untrügliches Zeichen, dass der Parasympathikus aktiviert ist. Damit der Körper alle Kraft auf das lebenswichtige Futter konzentriert, drosselt dieser Teil des vegetativen Nervensystems Herzschlag und Atmung, legt Muskeln lahm und bremst das Hirn - übrigens der Grund, warum Menschen nach dem Essen der Drang zum Nickerchen befällt.

Genau das ist beim Reiten unerwünscht. Schließlich soll das Pferd nicht schläfrig verdauen, sondern sich gefälligst bewegen; es soll rennen, springen, traversieren. Das funktioniert nur, wenn Kampf- und Fluchtreflex Herz und Lunge, Muskeln und Hirn auf Touren bringen. Die aber laufen über das sympathische Nervensystem, Gegenspieler des Parasympathikus.

"Ein Pferd in schneller Bewegung hat ein trockenes Maul. Die Zunge liegt ruhig hinter den Schneidezähnen, der Unterkiefer bewegt sich nicht, der Schluckreflex ist abgeschaltet, das Gaumensegel liegt flach am Boden des Mauls ", zählt Cook auf.

Trägt das Pferd dagegen eine Trense oder Kandare, wird das Maul durch die zusätzlichen Fressreflexe feucht. Das Pferd will schlucken, das Gaumensegel hebt sich, das Pferd spielt mit der Zunge, bewegt den Unterkiefer.

"Durch das Gebiss sind die Pferde beim Reiten neurologisch durch den Wind" konstatiert Cook. Weil sie trotzdem versuchen, sowohl dem Reiter, als auch den widersprüchlichen Befehlen ihres Nervensystems zu gehorchen, bekommen sie Probleme.

Jede Bewegung der Zunge und des Unterkiefers hebt den hinteren Gaumen an und stört die Atmung. Sowie ein Gebiss im Maul ist, wird die Zunge aktiv, selbst wenn der Reiter es nicht spürt. Verschiebt sich der hintere Gaumen bei hoher Geschwindigkeit, klappt gar das Gaumensegel hoch, sind die Folgen verheerend. Schließlich pfeift hier bei Belastung ein Sog von 75 Litern pro Sekunde in die Lungen, verglichen mit vier Litern beim ruhenden Pferd. Das Tier verschluckt sich am eigenen Gaumensegel und bekommt keine Luft mehr. "Das ist der Grund, warum Trainer von Galoppern oder Trabern ihren Pferden die Zunge am Unterkiefer festbinden", bestätigt Hans Geyer von Veterinäranatomischen Institut der Universität Zürich. "Sie wollen nach Möglichkeit jede Bewegung der Zunge und damit des weichen Gaumens verhindern."

Eine Mär dagegen ist, dass das Pferd vor Schmerzen unkontrollierbar wird und durchgeht, wenn es die Zunge über das Gebiss legt. "Natürlich hört das Pferd dann nicht mehr aufmerksam auf den Reiter ", sagt Cook. "Aber das alles passiert nur, weil es mit den Reflexen kämpft oder die Schmerzen auf der Zunge lindern will, die durch den Zug am Gebiss entstehen."

Das bereitet besonders im Galopp Probleme, weil in dieser Gangart die Atmung an die Bewegung gekoppelt ist. Bei jedem Galoppsprung macht das Pferd einen Atemzug: Es atmet ein, wenn die Hinterbeine am Boden und die Vorderbeine in der Luft sind; es atmet aus, wenn die Vorderbeine Last tragen und die Hinterbeine in der Luft schweben.

Was den Atemrhythmus stört, stört auch den Rhythmus des Galopps. Taktfehler, Steifheit und Stolpern sind die Folge-Probleme, die bisher vor allem auf den Reiter zurückgeführt wurden.

Auch sonst gibt es reichlich Ärger: Zähneknirschen, ständig mit dem Gebiss spielen, gegen das Gebiss gehen, hart im Maul sein und Kopfschlagen, um nur einige zu nennen, haben alle mit dem Grundübel Gebiss zu tun, wenn man die bahnbrechende Erkenntnis der amerikanischen Wissenschaftler berücksichtigt.

"Diese schweren Probleme werden oft mit Überempfindlichkeitsverhalten der jeweiligen Tiere oder mit fehlerhafter Gebiss-Anwendung durch den Reiter in Verbindung gebracht", kritisiert Cook, "nie jedoch damit, dass die Methode, über das Gebiss einzuwirken, grundsätzlich falsch ist."

Immerhin stammen die meisten Theorien von Reitern und nicht von Tierärzten oder Anatomen. Reiter setzen sich zwar ausführlich mit dem Einfluss grob zerrender oder behutsamen dirigierender Hände, dem Ausbildungsstand des Pferdes und den Formen von Trensen und Kandaren auseinander. Aber ob und wie ein Gebiss in die natürlichen Reflexe des Mauls eingreift, können sie, so viel Gefühl und Erfahrung sie auch haben, nicht beurteilen.

Dazu kommt, dass Pferde kooperativ bis zum eigenen Ruin sind. Sie arbeiten fleißig mit dem Gebiss im Maul, egal ob in der Hohen Schule oder beim Distanzreiten und bringen Höchstleistungen.

Diese Gutmütigkeit führt dazu, dass Pferde schneller krank werden. Wissenschaftler fanden immerhin 14 Probleme, die bisher nicht mit dem Gebiss in Verbindung gebracht wurden. Demnach führen Gebisse zu störenden Reaktionen des Verdauungssystems während der Belastung, zu atembeengender Genickwinkelung und kontraproduktiven Bewegungen von Zunge, Gaumensegel und Kehlkopf. Sie verursachen Luftröhrendeformationen und Kehlkopfpfeifen, stören die Kopplung von Atmung und Bewegung und somit die Balance und natürliche Anmut des Pferdes.

Gebisse führen zu vorzeitiger Ermüdung, entzündlichen Atemwegserkrankung, und sie können bei Rennpferden Lungenbluten auslösen. Sogar headshaking kann durch das Gebiss verursacht werden.

"Gebisse sind kontraindiziert , kontraproduktiv und grausam", folgert Cook und belebt damit ein Debatte, die längst beendet schien: Gebisse contra gebisslose Zäumungen. Neu ist, dass dabei bewusst Stellung gegen Gebiss-Befürworter bezogen wird, die betonen, ein Gebiss sei nur so scharf wie die Hand. Und das ist die Mehrzahl der Reiter, egal aus welcher Reitweise sie kommen, egal wie gut sie reiten. Schließlich bestand bislang der Konsens, dass ein Gebiss im Maul nicht grundsätzlich ein Problem ist. "Eine Form an sich fügt dem Pferd keine Schmerzen zu", sagt August, Vertriebsleiter des Gebissherstellers Sprenger. "Im Gegenteil: Ein Gebiss ist für die Pferde, wie für uns ein Kaugummi."

Schon das reicht laut den US-Studien allerdings, um Pferden das Reiten zu vergällen. Beim Untersuchen toter Schädel aller Pferderassen fand man nämlich im geschlossenen Maul weder Luft noch Platz für ein Gebiss. Hohlräume gibt es keine; die Zunge liegt satt am Gaumen.

Das deckt sich mit bisher unveröffentlichen Ergebnissen deutscher Wissenschaftler. An der Tierärztlichen Hochschule Hannover müht sich die Arbeitsgruppe "Funktionelle Anatomie" unter Leitung von Professor Hagen Gasse, auf Anregung von Sprenger, Pferdemäuler mit und ohne Gebiss exakt zu vermessen. Dabei zeichnet sich ab, dass im Maul viel weniger Platz ist, als bisher angenommen, und dass Gebisse auf die Zunge und nicht auf die Laden wirken.

Genauere Ergebnisse werden allerdings gehütet wie Kronjuwelen - schließlich müssen in Deutschland alle wissenschaftlichen Arbeiten, die zu einer Promotion oder gar zu einer Habilitation führen sollen, zuerst von den beteiligten Forschern veröffentlich werden. Und das dauert.

" Wir wissen aber schon länger" so Augsten, "dass die Pferdemäuler von Warmblütern immer kleiner werden, weil die Köpfe edler werden." Darauf reagierte man, indem man Trensen filigraner baute. Hatte früher das Sprenger-Durchschnittsgebiss eine Stärke von 23 mm, sind es heute nur noch 18 mm. "Ein zu dickes Gebiss bereitet einem Pferd mit kleinem Maul ganz schön Probleme", so Augsten.

Diese deutsche Erkenntnis geht Forschern in anderen Teilen der Welt allerdings nicht weit genug. Sie fordern Mäuler, in denen gar kein Metall klimpert, weil nach ihrer Ansicht jedes Gebiss dem Maul schadet. "Das mag zwar für Rennpferde gelten", hält Augsten gegen, "aber ein Dressurpferd braucht ein Gebiss, um Anlehnung zu bekommen.

Rückendeckung erhält der Gebisshersteller dabei von der offiziellen Reitlehre. Anlehnung ist nach den FN-Richtlinien für Reiten und Fahren nur mit einem Gebiss möglich und daher eins der Ziele auf der Skala der Ausbildung - allerdings erst nach Takt, Losgelassenheit und Schwung.

Das Anlehnung ohne Gebiss möglich ist, wird verneint, daher müssen Dressurpferde nach der Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) selbst in der höchsten Kategorie, der Kategorie A (Prüfungen von überregionaler Bedeutung mit Geldpreisen von mindestens 1000 DM) grundsätzlich mit Gebiss starten, während Springpferden in Kategorie A die gebisslose Variante erlaubt ist. 

Da drängt sich ein Verdacht auf, der zwar nicht neu ist, aber dafür glänzend passt: Ein Pferd korrekt ohne Gebiss auszubilden - und nicht nur latschen zu lassen - erfordert wesentlich mehr Geschick, als eine Ausbildung mit Gebiss. Solche Pferde waren und sind die Visitenkarten von Könnern, seien es die Kappzaum-Tänzer Europas oder Hackamore-Pferde altkalifornischer Ausbilder. Diese Tiere behalten beim Reiten nicht nur einen kühlen Kopf, sondern auch ein trockenes Maul, laut Cook, das Zeichen für Zufriedenheit.

Doch solche Empfehlungen werden in Deutschland zur Zeit noch ignoriert.

"Cook ist provokativ und stößt hierzulande auf verschlossene Türen", urteilt Tierarzt Dr. Hans Dieter Lauk, einer der drei Herausgeber der Veterinär-Fach-Zeitschrift Pferdeheilkunde. "Denken Sie doch an die Konsequenzen: Das würde die Reitlehre revolutionieren".

Eine solche Revolution lässt man sich aber nicht gerne von Forschern aus Übersee aufzwingen. Vorerst schäumen Pferde also weiter, während Experten auf die Ergebnisse aus Hannover warten.